Jean Marc Ligny: AQUA™


Cover zum Hörbuch "Aqua" von Jean Marc Ligny, gelesen von Matthieu Carriere. Erschienen bei Lübbe Audio, 2009.Jean Marc Ligny: Aqua™
Gelesen von Matthieu Carriere
Erschienen bei Lübbe Audio
Länge: Ca. 600 Minuten, 8 Audio-Cds
ISBN-Nr. 978-3-7857-3829-0

 

Inhaltsangabe des Verlags:

2030: Hurricanes, Überschwemmungen, Hitze. Die Klimakatastrophe ist Wirklichkeit, die Welt lebt im Chaos. Eine Sekte begeht mörderische Attentate, um die Ausrottung der Menschheit zu beschleunigen. Bei der Sprengung eines Damms sterben Hunderttausende, auch Rudy verliert Frau und Kind. Als Flüchtling in einem Auffanglager schließt er sich einer Gruppe an, die gegen die Ungerechtigkeit kämpft. Als ein Wasserreservoir entdeckt wird, auf das die amerikanische Regierung Anspruch erhebt, beginnt für die Gruppe ein Wettlauf gegen die Zeit, um das Lebenselixier für alle zu sichern…

 

Meine Meinung:

Das Hauptkonstrukt von „Aqua TM“ ist gut und auch die Umsetzung des selbigen ist Ligny vorzüglich gelungen. Eine derart heruntergekommene Zukunft braucht keinen Weichspüler und Gott sei Dank fährt Ligny einen sprachlichen Kurs, der direkt, teils vulägr, jedoch schlicht angemessen ist und zudem passend eingesetzt wird. Ligny will provozieren, er will die sich bereits heute abzeichnenden Missstände zur Sprache bringen – und das geht nun mal nicht mit “alles Sonne, überall Blumen”.

Der Plot per se bietet viel Abwechslung und vor allem jede Menge Spannung. Die Wechsel zwischen globalen Schauplätzen, sozialen Problemen und Charakterentwicklungen sind größtenteils  stimmig, nur muß man definitiv einiges im Bezug auf afrikanische Magie abkönnen, ansonsten wird man insbesondere im letzten Drittel wohl mehrfach den Kopf schütteln.

Positiv ist, daß Ligny hier keine strahlenden Helden gezeichnet hat. Es gibt jede Menge „Graustufen“ und so hat auch der „Held“ einige Flecken auf der ganz sicher nicht so strahlend weißen Weste, bei denen man dezent ins Grübeln gerät.

Missfallen hat mir lediglich Lignys offenkundiger Drang, eine Art „Öko-Porno“ zu implementieren. Der Sinn dahinter, Sexualität zum einen als Machtinstrument, zum anderen als Festigung wahrhafter Liebe einzubringen, ist ok, jedoch wirkt es oft nur als Selbstzweck, wenn hier jegliche Körperöffnung literarisch erkundet wird und man doch mehr als nur einmal an eine „Sex for Sex‘ sake“-Einstellung denken muß.

Gelesen wird dieses Epos von Matthieu Carriére, der sich -trotz leichten Akzents gerade bei hektische gesprochener/gespielter Szenen- als wunderbare Bereicherung der „üblichen Verdächtigen“ im Bereich Lesung empfiehlt. Er geht mit dem Stoff, spielt die Szenen, schreit, zischt, färbt die Charaktere und verwandelt das apokalyptische Szenario im Kopf des Hörers in einen packenden Film.

Fazit: Die Art, *wie* die Thematik vermittelt wird, ist sicherlich nicht jedermanns Geschmack. Ligny ist direkt, hart, ehrlich. Er ist kein Freund von Schönschreiberei. Hass, Gewalt, Zynismus und einige sehr explizit geschilderte Sexszenen könnten bei sensiblen Hörerinnen und Hörern durchaus auf Ablehnung stoßen. Dennoch ist Ligny ein Werk gelungen, das den Hörer fesselt, packt, verdammt gut unterhält – und sicherlich auch zum Nachdenken veranlasst. Plottechnischer Schwachpunkt ist  jedoch der Teil der „Konfliktlösung“ mittels afrikanischer Magie, der zwar für mich gut ins Gesamtkonstrukt funktioniert, doch dürften Hörer, die einen rein faktischen Thriller erwarten, mit eben diesen Momenten ihre Schwierigkeiten haben.

Matthieu Carriére als Erzähler lässt zwar einige Male einen Azkenzt durchblicken, hat sich mit diesem Epos jedoch eine uneingeschränkte Empfehlung für weitere Produktionen ausgestellt: Er spielt mit hörbarem Enthusiasmus, füllt Lignys literarische Apokalypse mit Leben und lässt diese Produktion trotz der 8 CDs zu einem extrem kurzweiligen „Blockbuster für die Ohren“ werden.

Advertisements

[Review] Tom Angleberger: Yoda ich bin! Alles ich weiß!


Tom Angleberger: Yoda ich bin! Alles ich weiß!Tom Angleberger: Yoda ich bin! Alles ich weiß!

Gelesen von Maximilian Artajo, Maximiliane Häcke, Luca Kämmer, Finn Kirschner, Moritz Meid, Nina Mölleken, Patrick Mölleken, Hannah Schepmann, Julia Schepmann.

Veröffentlicht: Baumhaus Verlag, Lübbe Audio; 2011

2 Audio-CDs
Länge: 124 Minuten
ISBN: 978-3-8339-5232-6

Inhaltsangabe des Verlags:

Dwight gibt seinen Mitschülern plötzlich verblüffend kluge Ratschläge.  Er kann das, weil er eine Yoda-Fingerpuppe aus Papier gebastelt hat. Mit der rennt er jetzt durch die Schule – und diese altkluge Origami-Figur berät die Schüler von nun an in allerlei Fragen: Wann steht der nächsten Test an? Und wer hat die Shakespeare-Figur gestohlen? Plötzlich glauben einige an Origami-Yoda, andere meinen, es sei nur ein Stück Papier. Bald ist klar: Wer die Puppe hat, hat die Macht.  Aber ein Kind will die Wahrheit herausfinden…

Meinung:

Vorab: Mir sagte weder der Name Tom Angleberger etwas, noch hatte ich eine Idee, worum es in diesem (Hör-)Buch überhaupt ging. Wichtig war für mich: Yoda ist irgendwie dabei. Nuff said! Als Star Wars Fan, insbesondere des kleinen grünen Jedimeisters mit der eigentümlichen Satzbauweise, war für mich klar: Das Teil *musst* du hören.

Ein nerdiger Sechstklässler, ein reinrassiger Loser, taucht eines Tages mit einer Yoda-Origamipuppe in der Schule auf und diese verteilt dann reihenweise bizarre, aber im Resultat gute Ratschläge. Das Hörbuch an sich ist eine Nachbereitung dieser fiktiven Episoden, die aus der jeweiligen Sicht der verschiedenen Charaktere geschildert wird, zusammengefasst als „Untersuchung“ der Vorkommnisse.

Nun muss man fairerweise vorab sagen: Wer hier eine Star Wars-lastige Erzählung erwartet, der wird schwer enttäuscht sein. Angleberger hat sich die obligatorischen Probleme seiner Alterszielgruppe vorgenommen und so finden sich statt Raumschlachten oder anderweitiger SciFi-Elemente hier durchweg Probleme des (vornehmlichen Schul-)Alltags angehender Teenager. Der Origami-Yoda allerdings spricht in der Tat in der gleichen eigentümlichen Art, wie Yoda es in den ‚Star Wars‘-Filmen tat. Dazu gibt es natürlich auch jeweils kurze Erwähnungen oder Verweise auf diverse Helden der Popkultur, wie eben Yoda, Obi-Wan Kenobi, Spiderman oder Gandalf. Da kommt durchaus hier und da „Fanboy“-Feeling auf.

Die Thematiken, die Angleberger behandelt, dürften wohl so ziemlich allen 12-, 13jährigen zumindest in ähnlicher Form bekannt sein. Einen massiven Pluspunkt verzeichnet ‚Yoda ich bin – Alles ich weiß‘ dadurch, daß der Origami-Yoda für ältere eigentlich bekannte „Lebensweisheiten“ in passender Form einbringt – Pluspunkt eben deshalb, weil die Kids wohl regulär wenig empfänglich für sowas wären, da solche Tipps gemeinhin von Eltern oder Lehrern oder anderweitig „uncoolen“ Personen kommen. Dadurch jedoch, daß es hier ‚Yoda‘ macht, umschifft man eben diese Klippe der Ablehnung, denn so merkwürdig es vielleicht für Erwachsene klingen mag: Yoda dürfte für Kids und junge Teenager wohl zugänglicher sein, als wenn die „Alte“ oder der „Alte“ wieder ihre weisen Ratschläge anbringen müssen, wo in der richtigen Laune eh nach 5 Sekunden die „Ohr an Hirn“-Leitung bewusst unterbrochen wird.

Gesprochen werden die unterschiedlichen Figuren von jeweils unterschiedlichen Sprechern. Ähnlich Morton Rhues „Ich knall euch ab!“ in Hörbuchform, erweist sich die Aufteilung der jeweils unabhängigen ‚Berichte‘ an jeweils eigene Sprecherinnen und Sprecher als Pluspunkt. Unter den Namen finden sich Maximilian Artajo und Patrick Mölleken, die beide einen hervorragenden Job abliefern, doch auch die restlichen Sprecher machen ihre Sache solide bis sehr gut und man darf gespannt sein, was dieser „Nachwuchs“ in den kommenden Jahren abliefern wird.

Effektmäßig überrascht positiv, daß man beim Lesen auch auf ‚Audioanpassungen‘ setzte, so werden SMS oder Interviews via Diktiergerät (oder Handy-Aufnahme) entsprechend klanglich wiedergegeben, was ebenfalls dem Realismus verdammt gut zu Gesicht steht.

Musikalisch gibt es als Jingle ein sehr stark an John Williams‘ „Star Wars Theme“ angelegtes Stück – schade, daß es nicht tatsächlich das Original ist, aber da wäre vermutlich ein Lizenzchaos losgebrochen, denn die Lizenz von LucasArts bezieht sich ja „nur“ auf die Vorlage.

Spaßiges Gimmick am Rande: Das Booklet der CDs enthält eine Bastelanleitung für den eigenen Origami-Yoda.

Bleibt als Fazit:
Yoda ich bin – Alles ich weiß“ ist ein amüsantes, sehr liebevoll gemachtes und zeitgemäßes Hörbuch für Kids und angehende Teeanger. Es werden humorvoll Probleme des (Schul-)Alltags der Jüngeren mit ‚Lebensweisheiten‘ kombiniert, die eben durch den Fakt, daß sie von einem Origami-Yoda vermittelt werden und nicht von „uncoolen Spießern“ (Eltern etc.), durchaus auf offene Ohren bei der Zielgruppe stoßen können.
Solide bis sehr gut gelesen von mehreren Sprechern, inszeniert, diverse Verweise auf Popkultur-Ikonen, dazu Yodas seltsame Sprache, fertig ist ein Hörbuch, das vor allem bei der Zielgruppe gut ankommen wird.

 

http://www.hergehoert.de/yoda-ich-bin-alles-ich-weiss.html

[Review] Anonymus: Das Buch ohne Staben


Anonymus: Das Buch ohne Staben (gelesen von Stefan Kaminski, Lübbe Audio - 2010)Anonymus: Das Buch ohne Staben
Gelesen von Stefan Kaminski

Veröffentlicht: Lübbe Audio, 2010
4 Audio-CDs
Länge: 296 Minuten
ISBN: 978-3-7857-4321-8

Inhaltsangabe des Verlags:

Auch ein Massenmörder muss an seine Rente denken. Und so kommt es, dass der sensible Killer Bourbon-Kid seinen Job an den Nagel hängen will. Doch als der Mönch Peto plötzlich die Jagd auf ihn eröffnet, steckt die ganze Stadt bald in einem Blutbad zusammen mit diversen Vampir-Gangs, einem seltsamen Werwolf, einem aufdringlichen Barkeeper und dem Dunklen Lord höchstpersönlich. Rente hin oder her. Bourbon-Kid hat die Nase voll und erstellt seine eigene Abschussliste. Und diesmal verschont er niemanden!

Meinung:

Wenn Elvis höchstselbst Vampire abschießt, wenn comichaft überzeichnete Charaktere in noch überzogeneren Handlungssträngen aufeinanderprallen, wenn Blut in Unmengen fließt, dann ist man entweder bei Quentin Tarantino und Robert Rodriguez gelandet… Oder bei Anonymus.

 

Ja, der Bourbon Kid ist zurück. Und er hat eine Scheiß-Laune wegen des untoten Vampirgesocks. Nach dem furiosen Erstling, “Das (Hör-)Buch ohne Namen” wartet nun die zweite Runde auf den geneigten Hörer – und Autor Anonymus gibt hier wieder richtig Gas: Hanebüchene Situationen und Situationskomik gepaart mit wortwörtlich irren Charakteren, einer schieren Freude an Exploitation Movies, völlig überzeichnete Gewaltexzesse, kurz: Alles, was irgendwie anstößig ist und doch Spaß macht 🙂

Gespielt, nein: regelrecht zelebriert wird diese irrwitzige Geschichte von Stefan Kaminski, dem fleischgewordenen Stimmenchameleon. Was Kaminiski hier abliefert, ist ein wahres Feuerwerk an Darstellungskünsten durchgeknallter Figuren. Es passt wie die Faust auf’s Auge und dürfte so ziemlich das Optimum sein, was ein Sprecher leisten kann. Grandios wäre schlicht untertrieben.

Musikalisch gibt es das gleiche Stück wie im Vorgänger – passt und steht dem Hörbuch gut zu Gesicht.

Als Fazit:
Freunde abgedrehter, streckenweise urkomischer Unterhaltung mit liebenswerten, aber völlig durchgeknallten Charakteren und jeder Menge Fun, Action und Gesplatter – vorgetragen von einem Stefan Kaminski in Bestform. Zugreifen und Spaß haben – ‘Das Buch ohne Staben’ ist ein Hörbuch mit Referenzcharakter!

http://www.hergehoert.de/anonymus-das-buch-ohne-staben.html

[Review] John Sinclair (63): Tokatas Todesspur


John Sinclair (63): Tokatas Todesspur (Lübbe Audio, 2011)John Sinclair (63): Tokatas Todesspur

Veröffentlicht: Lübbe Audio, 2011
Hörspiel, 1 CD, 55 Minuten
ISBN: 978-3-7857-4383-6

Sprecher:
Joachim Kerzel, Frank Glaubrecht, Martin May, Martin Keßler, Jan Spitzer, Raimund Krone, Tobias Kluckert, Oliver Strietzel, Rainer Fritzsche, Karsten Gausche, Alexander Doering, Matthias Haase, Nico Sablik, Thomas Nero Wolff, F.G. Beckhaus, Peter Flechtner, Philipp Schepmann, Marion von Stengel, Fred Bogner, Liane Rudolph, Sebastian Rüdiger.

Inhaltsangabe des Verlags:

Man nannte sie die Insel des Schweigens. Einsam lag sie vor der japanischen Küste. Neben einer Mülldeponie befand sich noch ein Hochsicherheitsgefängnis auf dem Eiland. Viele der Insassen starben in den kahlen Betonbauten, die meisten von ihnen auf gewaltsame Art. Die Öffentlichkeit wusste, dass das Leben dort die Hölle auf Erden sein musste. Was aber niemand ahnte war: Dass die Hölle dort erst noch entfesselt werden sollte.

Meinung:

Nach dem furiosen Mordliga-vs.-Asmodina Dreiteiler geht es gleich mit Vollgas weiter, oder passender: mit Mach-Geschwindigkeit.
John und Suko verschlägt es auf eine japanische Insel, die sowohl als Mülldeponie, als auch als Gefängnis genutzt wird. Und genau dieses schnuckelige Fleckchen Erde bietet die Kulisse für den Showdown zwischen Tokata und dem Goldenen Samurai.
Wie erwähnt: Es geht temporeich zur Sache, kurzweilig inszeniert steuert die Story geradlienig und schnörkellos auf den Kampf der zwei Dämonensamurais zu. Das Tempo steht der Folge gut zu Gesicht, und abgesehen von 2, 3 echten Gruselmomenten steht eher die Hatz Sinclairs und Sukos auf Tokata im Vordergrund. Dabei sind die Gruselmomente jedoch so gut platziert, das dennoch genügend Spannung durch die schiere Ungewissheit und die Bedrohung durch Gegenwart widernatürlicher Elemente erzeugt wird.

Im Bereich Sprecher kann man sich, wie eigentlich immer, kurz fassen: Oliver Döring und ein bis in die letzte Rolle vortrefflich besetzer Sprechercast liefern genau das ab, was man von der Serie erwartet: Top-Leistungen. Unter den Namen finden sich diesmal auch Raimund Krone, Tobias Kluckert, Peter Flechtner, Jan Spitzer – und zu Beginn der Folge wird gleich mal „Harry Potter“ Nico Sablik hingerichtet (natürlich nur tonmäßig), der mit seiner Verzweiflung bei einem herrlich-fiesen, eiskalten Martin Keßler auf taube Ohren stößt. Was für eine fiese Szene.

Dito im Bereich der Effekte und musikalischen Untermalung – auch hier zeigt Sinclair seit Jahr und Tag wie Trivialliteratur als Action-Horror-Blockbuster inszeniert werden sollte, egal ob es alltägliche Geräusche sind, Überschallflüge in Düsenjägern, Splatter-Momente oder übernatürliche Elemente. Gerade Johns und Sukos Express-Ausflug von England auf die japanische Insel des Schweigens ist ein echter Aha!-Moment, vor allem über Kopfhörer oder eine anständige Anlage mit Subwoofer.

Als Fazit einmal mehr: Hörempfehlung, aber so was von! Sinclair in Reinkultur, knackig inszeniert, kurzweilig, klasse Sprecherleistungen und eine vortreffliche Untermalung von Soundeffekten und Musik. Also eigentlich wie immer. Zumindest noch für dieses Jahr.

[Review] Sebastian Fitzek: Der Augensammler | Fest für Thrillerfans


Sebastian Fitzek: Der Augensammler (Hörbuch, Lübbe Audio, 2010)Sebastian Fitzek: Der Augensammler
Gelesen von Simon Jäger.

Veröffentlicht: Lübbe Audio, 2010

4 Audio-Cds
Länge: 310 Minuten
ISBN: 978-3-7857-4368-3

Inhaltsangabe des Verlags:

Erst tötet er die Mutter, dann verschleppt er das Kind und gibt dem Vater 45 Stunden Zeit für die Suche. Das ist seine Methode. Nach Ablauf der Frist stirbt das Opfer. Doch das Grauen endet nicht: Den aufgefundenen Kinderleichen fehlt jeweils das linke Auge.

Bislang hat der „Augensammler“ keine brauchbare Spur hinterlassen. Da meldet sich eine blinde Physiotherapeutin, die angeblich in die Vergangenheit ihrer Patienten sehen kann. Und gestern habe sie womöglich den Augensammler behandelt …

Meinung:

Nach Werken wie “Splitter”, “Das Kind” oder “Der Seelenbrecher” waren die Erwartungen bezüglich Sebastian Fitzeks  “Der Augensammler” fast schon astronomisch hoch. Doch ohne zuviel zu verraten, können etwaige Zweifel direkt zerstreut werden: Fitzek wäre nicht Fitzek, böte er den Lesern und Hörern nicht genau das, worin er seit Jahren meisterlich ist: Packende Thrillerunterhaltung mit bösem Twist.

Handlungsmäßig bleibt Fitzek sich treu: Ein eigentlich schon kaputter Hauptcharakter wird auf eine Achterbahnfahrt durch menschliche Abgründe geladen, die mit dem großen Paukenschlag endet – garniert mit reichlich perfiden Szenarien, diesmal sogar ein sehr gut gelungenes Nicken Richtung “Saw”, ohne jedoch in die erschreckende Einfallslosigkeit selbiger Serie ab Teil 2 zu verfallen – und als Selbstzweck wird diese auch nicht verwendet, keine Sorge.

Der Augensammler” packt den Hörer von Anfang an und endet nicht mit dem Ausklingen des Jingles auf der letzten CD. Ok, physisch gesehen schon, aber wie so oft bei Fitzek: Es bleibt im Kopf. Stück für Stück setzt sich das Puzzle um den “Augensammler” zusammen, nur um an Ende doch noch mit einer Riesenüberraschung aufzuwarten.

Wie immer wird auch dieser Fitzek von Simon Jäger gelesen und wie bei den bisherigen Hörbüchern auch erweist sich das als absolute Stärke. Jäger gelingt es erneut, dass ein Hörbuch eher zu einem Hörspiel wird, eine One-Man Show im positiven Sinne. Nicht nur, dass Jäger ein begnadeter Erzähler ist, nein, er färbt die einzelnen Charaktere erneut mit seiner markanten Stimme, spielt mit Betonungen – und baut diesmal sogar den Berliner Dialekt ein, was dem so gesprochenen Charakter absolut zu Gute kommt.

Auf einzigartige Weise schafft Jäger es zudem auch, die Atmosphäre von Fitzeks Story durch seine Stimme einzufangen und zu verstärken – einmal mehr bleibt lediglich eine großartige Leistung zu bescheinigen, die schlicht beindruckt.

Bleibt als Fazit:
Der Augensammler” ist Fitzek in Reinkultur mit allen Stärken: Eine packende, mysteriöse Story, Wendungen und einem verdammt gut aufgelegten Simon Jäger, der sich hier erneut als Sprecher der Extraklasse beweist. Fitzek-Fans müssen zugreifen, doch auch wer Thrillern per se nicht abgeneigt ist, wird hier voll und ganz auf seine Kosten kommen – nebst Überraschung. Wieder mal.

http://www.hergehoert.de/sebastian-fitzek__der-augensammler.html

[Review] Richard Doetsch: Die 13. Stunde | Lehrstück in Sachen Zeitreise und Thriller


Richard Doetsch: Die 13. Stunde (Lübbe Audio, 2010)Richard Doetsch: Die 13. Stunde
(OT: The Thirteenth Hour)
Gelesen von Matthias Koeberlin

Veröffentlicht: Lübbe Audio, 2010

6 Audio-Cds
Länge: 453 Minuten
ISBN: 978-3-7857-4281-5

Inahltsangabe des Verlags:

Nicholas Quinn sitzt im Verhörraum der Polizei. Seine Frau wurde ermordet, und man hält ihn für den Täter. Doch er ist unschuldig. Ihr Tod ist mit dem Schicksal von 212 Menschen verbunden, die bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen sind – denn eigentlich sollte Nicholas’ Frau an Bord dieser Maschine sein. Doch aus irgendeinem Grund hat sie die Maschine in letzter Minute verlassen. Dieser Grund ist für den Absturz verantwortlich. Und für ihren Tod.

Ein Fremder betritt das Verhörzimmer. „Ihre Frau lebt noch“, sagt er. „Sie können sie retten und die 212 Passagiere des Flugzeugs.“ Er überreicht Nicholas eine goldene Uhr, auf der die Zeit rückwärts zu laufen scheint. „Sie haben dreizehn Stunden.“

Meinung:

Richard Doetsch war für mich bislang ein unbeschriebenes Blatt im Bereich Thriller. Mit „Die 13. Stunde“ hat sich dies geändert.

Bei Zeitreisethematiken gibt es bei mir grundlegend zwei Stimmen im Kopf, die ihren Meinungen kräftig Lautstärke verleihen: Auf der einen die freudige, die erwartungsvoll versucht die andere, skeptische, zu übertönen. Ja, man kann bei Zeitreisethrillern richtig daneben greifen, dafür ist die Thematik allein schon komplex genug. Man kann allerdings, und das schafft Doetsch hier, ein schieres Erlebnis schaffen, das nicht nur einmal, sondern gleich 12 mal die Zeit auf den Kopf stellt und dennoch von Anfang bis Ende zwar wendungsreich, aber auch plausibel bleibt.

Kommen wir kurz zur Story. Viele Autoren scheitern bereits an *einer* Zeitreise – Doetsch hingegen packt insgesamt 12 dieses Thema an und während andere Autoren gern unheilsschwanger Phrasen wie „Jede Handlung, die du jetzt veränderst, hat Auswirkungen auf die Zukunft“ einbauen, man dort jedoch den Regenwald abholzen könnte, ohne daß es großartig dramaturgisch verwertbare Konsequenzen hätte, treibt Doetsch dieses Spiel gekonnt auf die Spitze. Es läuft glücklicherweise nicht auf das Spiel hinaus, daß man nur das eine Element verhindern muss, um ein anderes zu ändern – es ist in schlichter Brillianz ein waschechter Thriller, eine Tätersuche, die sich erst Stück für Stück auflöst – und durch diesen und obig genannten Fakt, daß es hier in Hinsicht auf die Zeitreisethematik einfach konsequenter zugeht als in den meisten anderen Romanen oder Filmen dieser Art, wird „Die 13. Stunde“ zu einem lupenreinen CD-Turner.

Nun ist „Die 13. Stunde“ keine „Krawall-Produktion“, sondern ein krimilastiger Thriller mit einem dezenten SciFi-Anstrich. Sowas verlangt nach einem eher kühlen, ruhigen Erzähler. Nimmt man noch den Fakt dazu, daß der Protagonist Anfang 30 ist, kommt man mit Matthias Koeberlin auf einen Namen, der einfach passt. Koeberlin, der bereits etliche Male sein Können als Erzähler bewies (exemplarisch in „Das Jesus-Video„, den Richard Monatanari Hörbüchern oder Clive Barkers „Das erste Buch des Blutes„), entpuppt sich auch hier als Idealbesetzung. Er bringt Kraft seiner Stimme und Betonung die permanent unheilvolle, bedrückende Atmosphäre der Ungewissheit punktgenau rüber und verleiht dem Ganzen eine sanfte Eindringlichkeit, die bereits „Das Jesus-Video“ nicht umsonst zu einem derart vielgelobten Highlight machte.

Für mich bleibt somit als Fazit ein Hörbuch, das eines der wenigen ist, auf das ich einfach nur abfeiern könnte. Richard Doetsch hat mit „Die 13. Stunde“ einen packenden und einfach faszinierenden Thriller geschrieben, der so einfach und so konsequent mit der Zeitreisethematik spielt, das es einem schlicht die Sprache verschlägt. Vorgetragen von Matthias Koeberlin, dessen Interpretation die Kühle und bedrückende Ungewissheit perfekt einfängt und wiederspiegelt und der sich hier einmal mehr als einer der besten jüngeren Erzähler erweist.

Die 13. Stunde“ ist nichts weniger als ein perfektes Beispiel dafür, wie Zeitreisethriller klingen müssen – von der Story UND vom Erzähler her. Unbedingter Hörtipp!

http://www.hergehoert.de/richard-doetsch__die-13te-stunde.html

[Review] Cody Mcfadyen: Ausgelöscht


Cody Mcfadyen: Ausgelöscht (Lübbe Audio, 2010)Cody Mcfadyen: Ausgelöscht

Gelesen von Franziska Pigulla
Veröffentlicht: Lübbe Audio, 2010

6 Audio-CDs
427 Minuten
ISBN: 978-3-7857-4331-7

Inhaltsanagebe des Verlags:

Während Smoky Barrett und die anderen Gäste auf das Brautpaar am Altar blicken, hält ein Lieferwagen vor der Kirche und eine Frau wird hinausgestoßen. Ihr Kopf ist kahl geschoren, ihre Haut ist blutig. Die Frau wurde vor sieben Jahren entführt. Weitere Frauen werden aufgefunden, die seit Jahren verschwunden waren. Sie alle können nicht mehr sprechen, denn ihnen wurden zentrale Nervenbahnen im Gehirn durchtrennt …

 

Meinung:

Ausgelöscht“ – um es knallhart zu sagen: Der Name ist Programm; leider im negativen Sinne.

Ausgelöscht scheint nämlich Mcfadyens Gespür für nervenzerrende Spannungsbögen mit einem dauerhaft vorhandenen Unterton subtiler Bedrohung. Eben jene Elemente, die er so meisterhaft in „Die Blutlinie“ und „Der Todeskünstler“ zelebrierte. Und es ist gewiss nicht der für Mcfadyen ungewohnt zahme Bodycount, denn Spannung lässt sich bekanntlich nicht nach Anzahl der zerstückelten Leichen pro Minute berechnen. Nein, was dieser Geschichte fehlt, sind die unberechenbaren Momente, Augenblicke, in denen man glaubt, alles könne passieren. Doch diese sind rar gesäät, an derer statt findet sich Mcfadyen diesmal leider knietief im Sumpf der Banalitäten und Vorhersehbarkeiten wieder und lässt zudem kein Klischee aus. Zugegeben, auch seine Vorgängerromane erfanden das Rad gewiss nicht neu und suhlten sich streckenweise in Klischees, indes spielte Mcfadyen geradezu virtuos auf der Genreklaviatur, wohingegen er diesmal, bildlich gesprochen, lediglich den Flohwalzer zum Besten gibt.

Das ist bitte nicht falsch zu verstehen und gewiss lesen sich die ersten Zeilen härter, als sie gemeint sind. Im Vergleich: Waren obig genannte „Blutlinie“ und „Todeskünstler“ bluttriefende, zugleich ungeheuer raffiniert angemachte Gourmet-Gänge, so ist „Ausgelöscht“ nach „Das Böse in uns“ nur der konsequente Weitergang in ein Fastfood-Restaurant: Schmack-, aber nicht nahrhaft.

Was also macht „Ausgelöscht“ dennoch schmackhaft?

Zwei Dinge: Zunächst hat man bei der Scriptbearbeitung und der Regie verdammt gut gearbeitet und das, was die Story hergibt, gut zusammengestrichen und arrangiert. Definitiver Pluspunkt.

Zum anderen natürlich ist es einmal mehr Franziska Pigulla, die mit ihrer unverwechselbaren Stimme etliche Macken der Story wettmacht. Pigulla schafft es immer wieder, eine ganz eigene Atmosphäre entstehen zu lassen, wenn sie die unterschiedlichsten Charaktere lebensecht im „Kopfkino“ entstehen lässt – und das ist insbesondere bei einer schwachen Story wie „Ausgelöscht“ ein Rettungsanker, der das Hörbuch zwar nicht in höchste Höhen, aber zumindest über den Durchschnitt reißt.

Somit bleibt als Fazit ein Hörbuch mit der bislang schwächsten Story Mcfadyens, welches jedoch durch die Scriptbearbeitung, die Regie und vor alem durch Franziska Pigullas Leistung aus dem “Absturz” gerettet wird. Ähnlich einem guten Burger „schmeckt“ dieses Hörbuch zwar beim Hören, aber es hat keinen nachhaltigen Mehrwert. Es macht durchaus Spaß, doch bleibt die Hoffnung, daß Mcfadyen sich für den nächsten Band wieder auf seine Stärken besinnt.
Solange können sich Smoky-Barrett-Fans mit „Ausgelöscht“ zwar behelfen, eine generelle Thrillerempfehlung mit Nachhaltigkeit kann ich diesmal jedoch leider nicht aussprechen – und das geht wirklich allein auf die Kappe Mcfadyens.

http://www.hergehoert.de/review__cody-mcfadyen__ausgeloescht.html