[Review] Morton Rhue: Ich knall euch ab!


Morton Rhue: Ich knall euch ab! (OT: Give a boy a gun; GoyLit / Jumbo Verlag)Morton Rhue: Ich knall euch ab!
(OT: Give a boy a gun)

Gelesen von Julia Nachtmann, Jürgen Uter, Samuel Weiss u.a.

Veröffentlicht: GoyaLiT / Jumbo Verlag, 2009

2 Audio-CDs
ISBN-Nr. 978-3-8337-2290-5

Inhaltsangabe des Verlags:

Gary und Brendan sind Außenseiter. In ihrer Schule herrscht eine klare Trennung zwischen Sportlern auf der einen und Nicht-Sportlern auf der anderen Seite. Demütigungen sind an der Tagesordnung. Die Lehrer schauen weg. Der Hass auf die Mitschüler wächst, und nach und nach reift in der Phantasie der beiden Jungen der Plan, es den anderen richtig heimzuzahlen. Ihr Vorbild: Die Amokläufer der Columbine Highschool in Littleton. Aus der Phantasie wird Realität: die Situation eskaliert beim Abschlussball in der Turnhalle.

Meinung:

Amokläufe an Schulen schockieren ohne Frage – doch was treibt bereits Jugendliche dazu, ihr Leben meist „wegzuwerfen“ und andere Personen dabei in einem Strudel aus blankem Hass und Gewalt mitzureißen?

Es ist das Paradoxon schlechthin: Die Massenmedien, die eigentlich einen Informationsauftrag verfolgen sollten, haben sich seit Jahr und Tag ihre eigene quotenträchtige Wahrheit erfunden und entsprechend einsetig wird auch über derartige Tragödien berichtet – die wahren Ursachen werden bewusst ignoriert.

Es ist traurig, daß hier die Fiktion die Realität begreiflicher rüberbringt, als es das Informationssystem an sich tut: Rhue ersann zwar ein fiktives Szenario, basierend jedoch auf der grausamen Realität. Im Gegensatz zu den Massenmedien zwingt Rhue den Leser dazu, ein Gesamtbild zu betrachten: Soziales Umfeld, Eltern, Freunde, Schule, Sport, Freizeit – und genau darin liegt die Stärke des Romans: Ohne die Moralkeule zu bemühen, ohne die von den Medien etablierten Klischees zu bedienen, zeichnet Rhue ein Bild erschreckender Nachvollziehbarkeit und hält der Gesellschaft ein nachdenklich stimmendes Bild vor. Heraus kommt ein Zusammenspiel vieler Aspekte, das -so sollte man eigentlich den menschlichen Verstand einschätzen- ohnehin bereits auf der Hand liegt. „Doom“ und „CounterStrike“ machen aus Jugendlichen keine Tötungsmaschinen. Nicht jede Kritik an der Person legt gleich den Schalter auf „Amok“ um. Aber es muss darüber nachgedacht werden, wie wir -die Gesellschaft- mit uns und vor allem mit unseren Kindern umgehen. Und dazu kann jeder etwas beitragen.

Dies vermittelt Rhue, und im Falle von „Ich knall euch ab“ tut er dies obendrein mit einer gewagten, indes gänzlich überzeugenden Stilform: Als Nachbereitung. So kommen mehrere Personen aus dem Leben der zwei fiktiven Amokläufer zu Wort, wie auch die beiden Täter selbst – in ihren Abschiedsbriefen.

Es ist keine Erzählung an sich. Es gibt keine Linearität, keine Abfolge von Handlungspunkten. Es werden Kommentare abgegeben – von eben den Personen, die die (Gefühls-)Welt der beiden Amokläufer seit dem siebten Schuljahr bis hin zur Tat beleuchten.

Es mag anfangs gewöhnungsbedürftig sein, doch gerät das Ziel, ein Gesamtbild der Tat sowie deren Wurzeln zu vermitteln, mit diesem Kniff wesentlich authentischer als man es mit einer typischen, spannungsorientierten Handlung hätte erreichen können.

Passend ist zudem, daß die unterschiedlichen Charaktere auch von jeweils unterschiedlichen Sprecherinnen und Sprechern gelesen werden – viele zudem noch unbekannt und gerade deshalb um ein vieles authentischer, als wenn man den obligatorischen „Hollywood-Kader“ vor’s Mikrofon gebeten hätte.

Ob seiner  andauernden Aktualität und der erschreckend authentisch wirkenden Hörbuchversion ist „Ich knall euch ab“ eine klare Empfehlung – und es bleibt die Hoffnung, daß wenn die Fiktion ein derart nachhaltig zum Denken anregendes Bild zu zeichnen vermag, auch die Massenmedien und somit ein Teil der Bevölkerung umdenken und zu handeln vermögen – im Sinne einer Gesellschaft und nicht der modernen Hexenjagd auf quotenträchtige „schwarze Peter“.

http://www.hergehoert.de/morton_rhue__ich_knall_euch_ab.html

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[Review] Morton Rhue: Die Welle


Die Welle (Regie: Sven Stricker; erschienen bei Ravensburger)Die Welle
Regie: Sven Stricker Erschienen bei: Ravensburger

Sprecher:
Gernot Endemann, Isabella Grothe, Christian Stark, Nina Ernst u.a.

Medium: 1 Audio-CD

Inhaltsangabe des Verlags:

In ‚Die Welle ‚beginnt alles mit einem Film über den Holocaust. Der junge Lehrer Ben Ross zeigt den Schülern der Gordon High School Bilder von ausgermergelten Juden im Konzentrationslager. Alle sind angewidert und entsetzt, aber eine Gruppe um Laurie Saunders von der Schülerzeitung kann und will nicht glauben, dass Menschen zu derlei Grausamkeiten überhaupt fähig sind. Um sie und andere zu überzeugen, startet Ross ein Experiment, dass auf fast unbemerkte Art und Weise Methoden der Diktatur installiert. Und plötzlich zerfällt der Klassenverbund in Opfer und Täter — bis die Situation auf schreckliche Weise eskaliert.

Meinung:

Viele Schüler dürften “Die Welle” aus der Schule kennen und wie kaum ein anderes Buch hat sich Morton Rhues Werk zur “Quasipflicht” etabliert – und das nicht ohne Grund. In komprimierter Form bekommt man hier serviert, wie einfach Menschen dem Phänomen “Faschismus” verfallen können. Es ist keine moralisch-triefende Angelegenheit, sondern “nur” ein Spiegel, den man vorgehalten bekommt, ohne daß daraus der “Na na na, *du* bist Schuld. *Du* ganz allein!”-Zeigefinger hervor geschossen kommt.

Sven Stricker, der unter anderem auch ‘Pompeji’, ‘Die Schatzinsel’ und ‘Dracula’ inszenierte, bewies auch in diesem “Frühwerk” sein Gespür für spannende und mit einigen Regiekniffen aufwartende Unterhaltung, wobei: Unterhaltung ist dieses Werk nur im weitesten Sinne.

Von den Sprechern sind wohl Gernot Endemann und Chrstian Stark die bekanntesten und Endemann bietet hier eine beeindruckende und gegen Ende -im positiven Sinne- regelrecht gruselige Leistung. Ansonsten werden die Sprecherinnen und Sprecher durch eine gute Regie zu eben solchen Leistungen gebracht. Grundsolide, im Falle Endemann schlicht atemberaubend.

Geräusche werden nicht des Eigenzwecks halber eingesetzt, passen und lassen eine lebendige Welt entstehen; auf Musik wird nahezu gänzlich verzichtet, was dem Realismus indes ungemein zuträglich ist.

Die Welle” ist nicht nur als Buch Pflichtprogramm. Die Thematik wird wohl auch auf absehbare Zeit leider aktuell bleiben und somit kann ich dieser Hörproduktion nur eine doppelte Empfehlung aussprechen: A. der Thematik wegen und B. einfach deshalb, weil das Hörspiel verdammt gut produziert ist.

 

[Review] Morton Rhue: Boot Camp | Erziehung Marke Extra-Krank!


Morton Rhue: Boot Camp (Lesung, Jumbo Verlag / GoyaLit, 2007)

© Jumbo Verlag / GoyaLit, 2007

Morton Rhue: Boot Camp
Gelesen von Tim Niebuhr

Veröffentlicht: GoyaLiT / Jumbo Verlag, 2007

3 Audio-CDs
ISBN-Nr. 978-3-8337-1684-3

Inhaltsangabe des Verlags:

„Du kommst hier nicht raus, wenn du ihnen vorspielst, was sie haben wollen. Du kommst hier nicht erst raus, wenn du bist, was sie haben wollen.“

Erniedrigung, körperliche Gewalt und brutaler Regelkodex – so sieht der Alltag von Connor aus, seit seine Eltern ihn in das Umerziehungsheim „Lake Harmony“ bringen ließen. Eine verhängnisvolle Strafe dafür, dass er in seine Lehrerin verliebt ist und sich gegen den elterlichen Lebensstil sträubt. Wie erfolgreich wird die Gehirnwäsche? Kann Connor die rettende Flucht gelingen? In seinem Roman „Boot Camp“ zeichnet der Erfolgsautor Morton Rhue ein erschütterndes Bild von amerikanischen Erziehungsanstalten – und davon, wie sie Jugendliche quälen und brechen.

Meinung:

Morton Rhue ist kein Mann der leichten Themen. Sein Roman „Die Welle“ gehört in den Schulen zum Pflichtprogramm, mit „Give a boy a gun“ (unter dem Titel „Ich knall euch ab“ in Deutschland erschienen), „Ghetto Kidz“ und „Asphalt Tribe“ spricht er immer wieder brisante Themen an, die Jugendliche betreffen. Themen wie Faschismus, Machtmißbrauch, gesellschaftliche Dissonanzen, Unterdrückung des freien Willens etc. bettet er in packende Erzählungen ein und schafft es, die behandelten Themen zwar eindinglich, indes ohne moralischen Zeigefinger, der einem die Augen, bzw. Ohren aussticht.

So schafft es auch „Boot Camp“ den Leser auf der einen Seite in seinen unbamherzigen Bann zu ziehen, streckenweise fast zu verstören, auf der anderen Seite ob der leider auf brutaler Realität basierenden Schilderungen den Leser, bzw. Hörer zum Nachdenken zu bewegen. Die Brillanz Rhues findet sich nicht in endlos verschachtelten, komplexen Satz- und Erzählstrukturen – die Bücher handeln über Probleme von Jugendlichen und sind somit primär für ein jüngeres Publikum geschrieben. Sie -die Brillanz Rhues- zeigt sich stattdessen darin, daß er den Leser/Hörer durch lebendige Sprache und grausam-„faszinierende“ Momente in diesen Albtraum zieht, nur um den Hörer letztlich schockiert zurückzulassen – Nachdenken unabdingbar.

Tim Niebuhr liest sehr ordentlich. Zugegeben, anfangs muss er sich ein wenig „warmlesen“, aber bald schon spielt er das Buch mehr als daß er es liest. Er bringt den Hauptcharakter, Connor in all seinen Facetten der Wut, Verzweiflung, Resignation oder Hoffnung ebenso gut rüber wie er den „freundlichen“ Wärter Joe, dessen „Quasi-GeStaPo“ oder die beiden Transporteure.

Als Fazit bleibt ein packendes, aber auch verstörendes Hörbuch über ein Stück amerikanische Realität, die gewiss zu den schwärzesten Flecken auf der moralisch gern weiß gesehen Jacke des „Land of the Free“ zählt. Spannend und erfreulicherweise ohne moralischen Dampfhammer, aber definitiv zum Nachdenken anregend geschrieben und erzählt von einem guten Tim Niebuhr, der zwar ein wenig „Warmlesephase“ braucht, aber dann richtig ordentlich mitgeht. Gewiss keine „Gute Laune“-Unterhaltung für „mal eben zwischendurch“, aber auf jeden Fall eine Empfehlung.

http://www.hergehoert.de/morton_rhue__boot_camp.html